Tübingen, 2015

Hotel Am Blauen Turm

Auf dem so genannten Foyer-Gelände, dem Eingang zur Tübinger Kernstadt – war einst ein Kulturzentrum geplant. Der Bau konnte nicht fertiggestellt werden und bescherte der Stadt jahrzehntelang eine Bauruine an prominenter Stelle. 2012 dann die Pläne für ein Hotel: Ein Investor fand sich, der es sich zutraute, erst den Abriss und dann die Neubebauung des Areals an der Blauen Brücke zu schultern. Ein internationaler Architekten-Investoren-Betreiber-Wettbewerb folgte, den Aldinger Architekten mit ihrem Entwurf für ein zukunftsfähiges Solarhotel – passend für die grüne Universitätsstadt – gewannen. Doch aus der schönen Idee sollte zunächst nichts werden. Investor und Betreiber erwiesen sich als nicht kompatibel und sprangen vom Bauvorhaben ab. So ging die Suche nach einem neuen Bauherrn in eine weitere Runde.

2014 starteten Aldinger Architekten mit den Planungen zum Hotelgebäude, wie es sich seit Mai 2016 an der Blauen Brücke präsentiert: Es ist das sechste Ibis Styles Hotel der Stuttgarter Success Group. Die als Barcode-Fassade mit hohem Glasanteil vorgesehene Gebäudehaut wurde zunächst zu einer regelmäßigen, hochwertigen Klinkerfassade umgearbeitet. Deren heller Backstein erinnert an die in Tübingen vorherrschenden Sandsteinfassaden und stellt am Tor zur Stadt den Bezug zur traditionellen Bebauung her. Leider sprachen gegen diesen Vorschlag finanzielle Gründe, weshalb die Architekten in einem weiteren Optimierungsprozess eine differenziert bearbeitete Putzfassade entwarfen, mit der die Balance zwischen Kosten- und Gestaltungsfragen gelang.

Solide Architektur

Das Gebäude zeigt „funktionierende Alltagsarchitektur“, wie Jörg Aldinger sagt. Mit seiner geometrisch skulpturalen Ausprägung setzt es städtebauliche Akzente im Straßenraum. Es hätte ein noch dominanteres architektonisches Statement setzen können, doch nach dem jahrelangen Verhandeln lag der Fokus darauf, ein funktionales Gebäude im Rahmen der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel zu entwickeln und für dessen zügige, termingerechte und kostenstabile Umsetzung zu sorgen. Mit dem Ibis Styles Hotel an der Blauen Brücke konnte ein gutes Stück solider, zeitloser Architektur realisiert werden, das mit seiner nachhaltigen Konzeption auch noch nach Jahrzehnten gefällt.

Positionierung im städtebaulichen Kontext

Trotz seiner acht Geschosse und einer mittleren Bauhöhe von rund 21 Metern trägt das neue Hotel nicht dick auf. Es wirkt gegenüber dem Blauen Turm – einem zum Tübinger Szenebau avancierten Gebäude aus den 1970er Jahren und jahrelang das höchste Bauwerk der Stadt – in seinen Dimensionen angemessen und begegnet ihm gleichberechtigt. Zusammen bilden sie – wie von Anfang an von den Architekten vorgesehen – das neue Tor zur Stadt. Geschmeidig folgt der Hotelneubau dem Straßenverlauf mit einem charakteristischen Fassadenknick und nimmt damit der Gebäudelänge von fast 50 Metern ihre Macht.
Mit dem Staffelgeschoss auf dem Dach, das zur Stadtseite hin abfällt, lässt das Bauwerk die Gleisanlagen des nahen Hauptbahnhofs im Rücken und wendet sein „Gesicht“ der Stadt und dem Neckarufer zu.

Qualitativ hochwertige Putzfassade

Die realisierte Lochfassade, welche die innere Organisation des Hotel mit insgesamt 126 Zimmern nach außen abbildet, wurde mit einer Wärmedämmverbundfassade versehen und mineralisch verputzt. Mit Sockel, Etagen und Dachgeschoss folgt es der klassischen Fassadengliederung, traditionelle Putztechniken geben der Fläche Qualität. So wurde das Erdgeschoss mit einem dunkelgrauen Kammzug versehen, dessen Spiel mit Licht und Schatten die Fläche belebt. Abgesetzt durch ein Gesims erhielten die darüber liegenden Etagen eine feinere Putzstruktur in hellerer Farbe, die an den Sandsteinton des Klinkers des Vorgängerentwurfs erinnert. Faschen in weißer glatter Putzstruktur vergrößern optisch die Fensteröffnungen und geben ihnen eine prägnante Gestalt. Die Sonnenschutzverglasung macht außenliegende Stores überflüssig, sodass nichts die äußere Ruhe und Gleichmäßigkeit der Fassade stört.

Raumangebot für ein zeitgemäßes Stadthotel

Der Eingang in die Lobby liegt direkt an der Friedrichstraße – dort, wo der Fassadenknick Raum auf dem Gehweg für einen kleinen Empfangsplatz schafft und die Straße von der Brücke langsam wieder in Richtung Innenstadt abfällt. Auf der Schmalseite des Gebäudes zur Steinlach hin ist erhöht eine Terrasse für das in die Lobby integrierte Restaurant angeordnet. Hier soll nach Fertigstellung zweier weiterer Gebäude auf diesem Grundstück ein kleiner, begrünter städtischer Platz entstehen.
Zwei der 126 Hotelzimmer sind barrierefrei zu erreichen, zwölf speziell auf die Bedürfnisse von Familien ausgerichtet und verfügen über Verbindungstüren. Eine geräumige Suite, die auch als Tagungsraum für Meetings dienen kann, erweitert das Raumangebot in der obersten Etage.

Termin- und kostengerechte Fertigstellung

Während das Gebäude insgesamt als vor Ort betonierter Stahlbetonbau ausgeführt und zugunsten eines schnelleren Bauablaufs teilweise mit Stahlbetonfertigteilen sowie im Werk vorgefertigten Sanitärraumzellen ergänzt wurde, ist der restliche Innenausbau nahezu komplett in Leichtbauweise realisiert. Die Trennwände der Hotelzimmer sind – den strengen Anforderungen an den Schallschutz geschuldet – in einer akustisch völlig voneinander abgekoppelten Konstruktion ausgeführt und hochschallgedämmt. Da einige Hotelzimmer in unmittelbarer Nähe der Küche liegen, musste auf dieser Etage auch die Bodenplatte konstruktiv aufwändig abgekoppelt werden, um die Übertragung von Körperschall effektiv zu unterbinden. Ein höherer Fußbodenaufbau wirkt zusätzlich schallmindernd.

Zwei Aufzugsanlagen sowie ein Haupt- und ein Fluchttreppenhaus erschließen die oberen Geschosse. Tiefgarage und Hotelanlieferung werden über die Schaffhausenstraße parallel zu den Gleisanlagen angefahren.
Was das Interiordesign und die Auswahl der Materialien in den Innenräumen betrifft, hatten die Architekten wenig Mitspracherecht. Als Teil einer internationalen Hotelkette folgte das Gestaltungskonzept den Hotelrichtlinien und den Vorgaben des vom Konzern bindend vorgeschriebenen Materialkatalogs und wurde direkt vom Betreiber und seinen internen Planungsabteilungen umgesetzt.

Bauherr Hotel Tübingen Besitz Gmbh, Denkendorf
Architekt Aldinger Architekten Planungsgesellschaft mbh
Planung 2012
Bauzeit 2014-2016
BGF 6.045 qm